Es gibt nichts Gutes, außer man sagt es

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Hier musste nicht nur die Moderatorin nachhaken: „Die Unschuldsvermutung ist ja sowieso nur ein juristischer Begriff“, hatte die in die Sendung „Maybrit Illner“ eingeladene Influencerin Leonie Plaar behauptet, und man kann nur hoffen, dass sie mit solchen Meinungen keine große Reichweite erzielt. So etwas ist inzwischen üblich: Journalisten sprechen ein Urteil, das ein Gericht noch lange nicht gesprochen hat, wenn es überhaupt jemals eines sprechen wird. Man kennt das – von Kachelmann, Woody Allen, Kevin Spacey, Dieter Wedel und jetzt natürlich von Till Lindemann, dem Rammstein-Sänger, um den es in der Talkshow zuletzt noch ging und der den Anlass gab für diese dumme Äußerung.

In der Talkshow wurde gefragt: „Freiheit nur für meine Meinung – müssen wir wieder streiten lernen?“ Hierauf wäre mit Walter Kempowski zu fragen: für welche denn sonst? Er hatte ganz ehrlich seinem Tagebuch anvertraut: „Ich begreife gar nicht, dass es Leute gibt, die nicht meiner Meinung sind.“ Das war freilich zu einer Zeit, als „Meinung“ auch noch eine Meinung war und kein von der unangreifbaren, sich zuletzt auf Be- beziehungsweise Empfindlichkeiten zurückziehenden Warte der eigenen Identität gefälltes Urteil. Wer im Besitz eines solchen ist, der sagt dann eben auch: „nur ein juristischer Begriff“. Was heißt hier „nur“? Gibt es denn, wenn es um die Verurteilung von Menschen geht, noch beliebig viele andere, ranghöhere?

Die Unschuldsvermutung ist für sie nur „ein juristischer Begriff“: Influencerin Leonie Plaar


Die Unschuldsvermutung ist für sie nur „ein juristischer Begriff“: Influencerin Leonie Plaar
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Bild: Jule Roehr


Das wusste Leonie Plaar, die es offenbar für ausreichend hält, den Aussagen möglicher Opfer oder Geschädigter Glauben zu schenken, nicht. Julian Nida-Rümelin sagte, was zu sagen war, indem er an die „Regeln des Rechtsstaats“ erinnerte und davon abriet, „an die Stelle des Rechtsstaats zu treten“, sich die Wahrheitsfindung also zu sparen und Sanktionen quasi freihändig zu verhängen. Überhaupt hinterließ der Philosophieprofessor und ehemalige Kulturstaatsminister einen überzeugenden Eindruck, sorgte für Begriffsschärfe ganz ohne akademische Umstandskrämerei und bezog zusammen mit dem Unterhaltungskünstler Hape Kerkeling den Posten reiner Vernunft, gesunden Menschenverstand nicht ausgeschlossen.

Scharfe Analysen steuerte die Politikwissenschaftlerin Düzen Tekkal bei, deren Insistieren auf lebensweltlicher Erfahrung in Sachen Meinungsfreiheit, Demokratie und Diskriminierung der insgesamt entspannten und allemal unverbissenen Gesprächsatmosphäre eine Prise Unerbittlichkeit verlieh.

Menschen abholen, wo sie stehen

Nun war es so und im übrigen auch zu befürchten gewesen, dass das Thema „Meinungsfreiheit“ von Fragen der Identitätspolitik mit den Unterabteilungen Cancel Culture, Gender(n) und allen möglichen Unwörtern (mit den Anfangsbuchstaben I, N und Z) nahezu vollständig absorbiert wurde. Kerkeling und Nida-Rümelin ließen Takt und Sensibilität in keiner Äußerung vermissen, plädierten aber, fast wie die Gegner grüner Heizungspolitik, dafür, „gemächlichen Schrittes voranzugehen“, kein geschichtsvergessenes sprachliches Großreinemachen zu veranstalten, letztlich, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen.

Es entwertet die Sendung nicht, wenn man resümiert, dass in ihr Aspekte zur Sprache kamen, denen man längst nicht mehr ausweichen kann – soll/darf man das Binnen-I gebrauchen, soll/darf/muss man vielleicht sogar Astrid-Lindgren-Bücher von unliebsamen Ausdrücken befreien und so weiter, tausendmal gehört und erörtert, man kann es nicht mehr hören; und es führt auch zu nichts. Oder doch? Düzen Tekkal beharrte darauf, dass Sprache und Lebenswirklichkeit zwei Paar Schuhe sind. Das konnte den nicht weiter aufregenden Abend leider auch nicht davor retten, dass er, wie in einem sprachlichen Solipsismus, um eine sozusagen leere Mitte kreiste: Identität, Diskriminierung, Rassismus, Geschlechter- und Minderheitengerechtigkeit, kurz und banal: ums Gutsein. Eigentlich politische „Meinungen“ kamen kaum zur Sprache – Sahra Wagenknecht dürfte sich bestätigt sehen.



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