Wer mehr Milch will, muss weniger Bier trinken – Frankfurter Zeitung von 1923


Die nachstehenden Ausführungen unseres langjährigen landwirtschaftlichen Mitarbeiters werden allgemeines Interesse finden, sowohl mit ihrer Schilderung der gegenwärtigen Erntelage wie durch ihre Beleuchtung der Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Betriebsführung im Zeichen der Geldentwertung. Die Art, wie sich die Landwirtschaft mit der Letzteren abgefunden hat, dürfte allerdings je nach der Geschicklichkeit des einzelnen Landwirts in finanziellen Dingen sehr verschieden gewesen sein, so dass wir die nachstehenden Ausführungen nicht ohne weiteres als allgemeingültig gewertet sehen möchten. Insbesondere bleibt zu berücksichtigen, dass der Landwirt, der mit geborgter Papiermark seinen Betrieb intensiviert, daraus dem doppelten Vorteil der Betriebsverbesserung und der Schuldenrückzahlung mit entwerteten Gelde erzielte. (Die Redaktion)

„Die diesjährige Ernte verspricht in allen Teilen Deutschlands einen recht guten Ertrag. Namentlich die Getreideernte zeigt infolge der reichlichen Niederschläge im Mai und Juni überall einen so üppigen und gleichmäßigen Stand, wie er nur in wenigen Jahren beobachtet wird. Nach alter Erfahrung bringen diejenigen Jahre die reichsten Stroh- und Körnererträge, in denen es vor Johanni, also in der Hauptentwicklungszeit, ausgiebig geregnet hat. Zwar ist die Vegetation infolge der niedrigen Temperatur im Mai und Juni etwas zurück, doch wird die Reife bei der jetzigen Hitze schnell voranschreiten. Da wir im Vorsommer eine lange Regenperiode hatten, dürfte auch mit einer günstigen Erntewitterung zu rechnen sein.




Die Heuernte ist, mit Ausnahme hohe Gebirgslagen, wohl überall beendet und hat einen selten hohen Durchschnittsertrag gebracht. Das wird für den Wiederaufbau unserer Viehzucht von günstigem Einfluss sein. Von großem Interesse für die Volksernährung ist die Hebung der Milcherzeugung, welche in den letzten Jahren auf einem bedauerlichen Tiefstand angelangt ist. Es muss hier offen ausgesprochen werden, dass die Freudigkeit zur Steigerung der Milchlieferung beim Bauernstand bis heute noch stark beeinträchtigt wird durch die behördliche Milchpreisfestsetzung. Die Milch ist ein Produkt, welches auf die verschiedenste Art und Weise verwertet werden kann. Der Frischmilchverkauf ist zwar die bequemste Verwertungsart, aber nicht immer die lukrativste. So lässt sich zum Beispiel zeitweise das Liter Milch durch Verbuttern, Verkäsen oder durch Jungviehaufzucht noch einmal so gut verwerten als durch direkten Verkauf.

Da es nicht möglich ist, die Milch jemals an der Produktionsquelle vollständig zur gemeinnützigen Bewirtschaftung zu erfassen, hat es keinen Sinn, nur für eine Verwertungsart den Milchzwangspreis festzusetzen. Unser kapitalistisches Wirtschaftsleben ist nun einmal darauf eingestellt, dass ein Jeder seine Produktion so gut als möglich zur verwerten sucht. Leider ist der Egoismus in allen Erwerbsschichten stärker entwickelt als das soziale Empfinden. Aber es muss immer wieder betont werden, dass die Milchpreise in keinem Verhältnis stehen zu allen alkoholischen Getränken, wie Bier, Apfelwein, Wein und Branntwein. Solange die Massen für einen Liter Bier doppelt so viel bezahlen als für einen Liter Milch, welches doch zehnmal so viel wert ist, haben sie eigentlich keinen Grund, sich über hohe Milchpreise zu beklagen. Die Milcherzeugung ließe sich in Deutschland sehr schnell steigern, wenn die Volksmassen zu Einsicht kämen, dass sie wichtiger ist als die Erzeugung alkoholischer Getränke. Durch intensive Förderung der rationellen Weiden- und Wiesenkultur könnte in wenigen Jahren die ganze Milch-Not beseitigt sein.



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